Muss mal wieder raus

Ich wundere mich ja immer, wenn Leute nicht mit Zahlen umgehen können – oder wollen. So auch neulich, als vehement darauf hingewiesen wurde, dass doch gar keine Mehrheit der Türken in Deutschland für Erdogan gestimmt habe. Nachdem man die Wahlbeteiligung und die Wahlberechtigten berücksichtigt, blieben nur etwa 13% an Stimmen FÜR Erdogan übrig.

Und dann denke ich zurück an die Bundestagswahl 2013. Damals holte die CDU um die 16 Millionen Erststimmen und ca. 14 Millionen Zweitstimmen bei ca. 43 Millionen gültiger Stimmen. Das war damals ein bombastisches Ergebnis, und es hätte aufgrund diverser typisch deutscher Regelungen (Sorry, aber die Zweitstimme gehört abgeschafft. Entweder man wählt direkt für einen Kandidaten in einem Wahlkreis, oder man wählt direkt für eine Partei. Oder man wählt exakt eine Hälfte der Abgeordneten per Direktmandat, und eine Hälfte per Verhältnis, aber diese elendige Mischung ist, bei allem Respekt, Dreck) beinahe zur absoluten Mehrheit geschafft.

Kam da irgendjemand auch nur in die Nähe der Idee, das mal in Relation zu den Wahlberechtigten zu setzen? Oder in Relation zur Gesamtbevölkerung? Da haben nämlich nur 20% für Merkel gestimmt, und 80% eben nicht.

Nein, natürlich nicht! Weil das Schwachsinn ist! Es zählen am Wahlabend exakt die Stimmen derjenigen Wahlberechtigten, die auch wählen gegangen sind. Die, die gar nicht erst wählen dürfen, weil sie zum Bleistift zu jung sind, haben noch nie bei einer Wahl gezählt. Und die Stimmen derjenigen Leute, die zu faul, zu bequem, oder zu blöd waren, um von ihrem Wahlrecht gebrauch zu machen, ebenfalls nicht, denn die sind mit jedem Wahlausgang einverstanden, sonst wären sie wählen gegangen. Wobei man manchen Türken zugute halten muss, dass sie nicht ohne Furcht vor Repressalien hätten wählen gehen können.

Aber nun alle diejenigen, die nicht wählen waren oder nicht wählen durften, als Widerstandskämpfer hochzustilisieren, ist pure Dummheit. Man versucht wegzureden, was nicht sein darf, nämlich dass viele Türken, die seit Jahren oder gar Jahrzehnten in Deutschland leben, sich einen autoritären Führer (und oft genug auch die Scharia) wünschen. Was das über das Integrationsbemühen dieser Menschen, und was über das der Neuankömmlinge sagt, möchte man sich lieber nicht fragen.

 

Sicher, es gab und gibt Rassismus un Deutschland, dem sich nicht zuletzt Menschen mit Migrationshintergrund ausgesetzt sehen. Daran müssen wir arbeiten, Tag für Tag für Tag.

Aber das ist nur die eine Hälfte des Problemes. Leute, die seit Jahrzehnten hier leben und kein Wort Deutsch sprechen, Kinder, die bei Einschulung zum ersten Mal in Kontakt mit unserer Sprache kommen, Väter und Brüder, die lieber ihre Tochter und Schwester töten, als ihr dabei zuzusehen, wie sie die (nicht vorhandene) Familienehre beschmutzt und sich mit einem Menschen der falschen Nationalität und/oder Religion zu verabreden sucht, Schüler, die sich per se nichts von einer Lehrerin sagen lassen, weil sie ja nur eine Frau sei und nichts zu melden habe. Das und mehr sind Baustellen, die unsere Mitbürger angehen müssen.

 

 

Aber Politik ist doof. Es bringt ja nichts, sich darüber aufzuregen. Im Herbst wird Mutti Merkel ein hervorragendes Ergebnis einfahren, die SPD wird sich der Verantwortung des Wahlergebnisses stellen und die große Koalition suchen, und hinterher wundert man sich, warum es Leute gibt, die die AfD wählen.

Das selbe Spiel wurde übrigens nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen in Frankreich gespielt. Da hieß es dann, dass 80% der Franzosen sich für die EU ausgesprochen hätten, schließlich habe Le Pen nur 20% erreicht. Was natürlich falsch ist, da sich ebenfalls um die 20% für den linken EU-Kritiker Mélenchon ausgesprochen hatten, womit es in Frankreich runde 40% EU-Gegner gibt! In einem der Kernländer Europas sind 40% der Menschen gegen einen Verbleib in der EU! Das sollte einem doch zu denken geben. Und sei es nur, weil es zeigt, wie gespalten die westlichen Gesellschaften doch sind, nach Trump vs. Hillary (beide nah an 50%), nach Brexit (beide Lager um die 50%), nach Österreich (beide Präsidentschaftskandidaten nah an 50%). Aber stattdessen suhlt man sich in der eigenen Überlegenheit, die man zudem noch moralisch und damit gottgegeben denkt. Und jeder Abweichler ist ein Nazi und hat deswegen von vornherein unrecht.

 

Und täglich gibt es neue Meldungen, wie gut es uns in Deutschland doch geht, bei Rekordbeschäftigung. In ein, zwei Monaten rechne ich damit, dass mehr Leute arbeiten, als in Deutschland leben. Ihr werdet schon sehen, die beste Regierung aller Zeiten bekommt auch das noch gebacken!

Währenddessen leben 10 Millionen Menschen schon heute von staatlicher Hilfe. Währenddessen steuert jeder Mindestlöhner auf Altersarmut und Grundsicherung – also Hartz4 im Alter – zu. Währenddessen schieben sich unsere achso lieben Abgeordneten mehr und mehr Kohle in die eigenen Taschen. Oder in die ihrer Freunde. Und wenn dann doch mal jemand mehr Lohn möchte, wird auf die schlechte wirtschaftliche Lage verwiesen, die man durch Lohnerhöhungen herbeiführen würde. Schon komisch, aber halten sich Manager oder Politiker beim Gehalt jemals zurück?

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Eine Antwort zu Muss mal wieder raus

  1. Lehrercafe schreibt:

    Dein Beitrag gehört in die Zeitung. So Recht, wie du mir allem hast. LG Ela

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