Jiro Taniguchi und Baku Yumemakura: Gipfel der Götter

Puuh. Lange hab ich diesen Eintrag hinausgezögert. nicht, weil ich nicht über Gipfel der Götter reden- bzw. schreiben – möchte, ganz im Gegenteil. Auch nicht, weil dieser Manga so schlecht ist, dass man ihn besser nicht lesen sollte – mehr als „Gegenteil“ gibt es nicht, aber selbst dieses Wort drückt nicht annähernd aus, wie sehr diese Annahme daneben und falsch ist. Nein, mir fehlt es schlicht an den angemessen Worten, um zu beschreiben, wie toll ich Gipfel der Götter fand.

 

Zunächst die Basics. Der Manga Gipfel der Götter baisert auf dem Roman Kamigami no itadaki von Baku Yumemakura aus dem Jahr 1997. Die Umsetzung als Manga ist bereits die zweite Kooperation von Taniguchi und Yumemakura, nach Garouden aus den Jahren 1989-90. Gipfel der Götter erschien als Manga in fünf Bänden in den Jahren 2000-2003. Ich habe hier zu Hause die Hardcover-Ausgabe mit Schutzhülle in großem Format – eine sehr schöne Ausgabe, doch dazu später mehr.

 

Worum geht es eigentlich? Gipfel der Götter handelt zunächst einmal vom Mt. Everest. Fukamichi, seines Zeichens Fotograph und Journalist, der auf Alpinismus spezialisiert ist, begleitet eine Himalajaexpedition, die aufgrund einer Lawine scheitert. Als er die darauf folgenden Tage in Nepal bleibt, stößt er auf einen Laden, der secondhand Bergsteigermaterial verkauft und entdeckt dort, inmitten gewöhnlicher Dinge einen Fotoapparat. Aber nicht irgendeinen. Das Modell ist identisch mit demjenigen, welches Mallory bei seinem Everestversuch 1924 dabeihatte. Dem Versuch, bei dem er schließlich verschwand, und von dem bis heute niemand weiß, ob er erfolgreich war oder nicht. Fukamachi – und wir als Leser – begreifen sofort, welchen Wert dieser Apparat hat, nicht nur für die Welt der Bergsteiger, sondern auch für die Geschichtsschreibung und für Fukamachi selbst als Journalist.

Doch selbstverständlich kommt es anders, und Fukamachi wird der Fotoapparat gestohlen. Dabei trifft er auf eine totgeglaubte Legende des japanischen Alpinismus. Joji Habu (der völlig fiktiv ist). Der mehr über den Apparat weiß, und vielleicht auch den Aufenthaltsort von Mallorys Leichnam kennt. So entbrennt eine Jagd. Die Jagd Fukamachis danach, herauszufinden, wer Joji Habu ist, um so in Erfahrung zu bringen, wo er steckt. Alles in der Hoffnung, die Wahrheit über die Expedition von 1924 herauszufinden.

 

Das klingt jetzt sicherlich sehr viel weniger spektakulär, als es bei der eigenen Lektüre sein wird. Denn was sich hier entspinnt, ist letztlich eine packende Studie des Charakters von Habu, bei dem seine Vergangenheit, seine Besessenheit und sein unbedingter Wille immer stärker zur Geltung kommen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der sich aufmacht, etwas Einzigartiges zu vollbringen, weil er sonst nichts in seinem Leben hat, außer seiner Leidenschaft.

Gleichzeitig durchlebt man zusammen mit Fukamachi die zunehmende Faszination sowohl für Habu, den Sonderling und außergewöhnlichen Menschen, als auch für den Berg. DEN Berg, denn es gibt keinen anderen wie diesen. Stumm und riesig steht er über der Handlung, omnipräsent und ist dabei Fixpunkt aller Ereignisse. Der Mt. Everest stellt die letzte, große Herausforderung dar, die einem einzelgängerischen Mann noch bleibt, um seinen Fußabdruck in der Geschichte zu hinterlassen. Und bietet mit dem Hintergrund rund um Mallorys Expedition zugleich die Motivation für den Leser, sich auf die Geschichte einzulassen.

Eine Geschichte, für die ich Yumemakura nur ein großes Lob aussprechen kann, denn sie ist wahrlich packend und ergreifend. Und das Ende ist auf seine ganz eigene Weise sowohl poetisch als auch emotional.

 

Untermalt – oder sollte ich besser sagen: Ausgezeichent unterstütz und meisterlich begleitet – von den hervorragenden Zeichnungen Taniguchis ist Gipfel der Götter ein wahres Lesevergnügen. Die Zeichungen sind klar, präzise, detailreich. Die Bergszenerie ist kalt, steinig, beeindruckend, realistisch. Oft spürte ich beim Lesen den kalten Wind, der um die Flanken des Everest weht. Konnte den Schnee fast fühlen, die Kälte, die sich breit macht, wenn es Nacht wird und einem als einziger Trost sein Zelt, ein Schlafsack und etwas warme Suppe bleibt. Ich war so unmittelbar vor Ort wie nur selten. Das ist keine geringe Leistung, und spricht Bände darüber, wie großartig ein Manga über das Bergsteigen ist, wenn er dieses Gefühl des Gebirges so genial vermittelt!

Die Charaktere sind menschlich, hier lässt sich keine Spur irgendeiner Überzeichnung finden wie in Manga wie One Piece oder Dragon Ball. Weit gefehlt, Taniguchi zeichnet sehr realistisch, sehr scharf, und ohne Schnörkel. Und auch ohne allzuviel Schwarz. Seine Panele zeichnen sich meiner Meinung nach – bedenkt, ich bin künstlerisch eine Niete! – dadurch aus, dass sie sehr sparsam mit Tinte ausgefüllt sind, wodurch sie so plastisch wirken. Denn jeder Federstrich ist sorgfältig gesetzt und dient dem größeren Ganzen, dient dazu, Gebäude oder Gegenstände darzustellen, oder Gesichtszüge menschlich wirken zu lassen und mit Emotionen aufzuladen. Und da es sich um eine Arbeit handelt, die sehr viel Finesse verlangt, spürt man jeden Strich nur umso deutlicher als bewusste Intention, genau dieses Bild, dieses Gefühl, beim Leser zu erzeugen.

 

So vergehen die 1500 Seiten, die Gipfel der Götter zählt, auch unglaublich schnell. Ich habe, nachdem ich den ersten Band auf Probe bestellt und gelesen hatte, die restlichen vier an einem Wochenende durchgelesen, so packend fand ich die Geschichte. Ich weiß nicht, ob ich mich jemals an die Romanvorlage wagen werde, so untrennbar sind für mich Zeichnung und Geschichte verbunden, dass ich eins ohne das andere vermutlich nicht annähernd so genießen könnte. Die Kollaboration Taniguchi/Yumemakura hat hier ein kleines Meisterwerk hervorgebracht, das man so schnell nicht wiederfindet, und das ich jedem ans Herz legen kann, der sich für eine gute Geschichte rund ums Bergsteigen und das, was es für einen einzelnen Menschen bedeutet, begeistern kann. Auch und gerade diejenigen, die sonst nichts oder nur wenig mit Manga zu tun haben, sollten einen Blick riskieren (Bilder finden sich im Netz genug, um einen ersten Eindruck zu gewinnen), denn man merkt den literarischen Anspruch, den Gipfel der Götter durch die Romanvorlage hat, sehr deutlich. Was nicht heißen soll, dass Taniguchi nicht auch selbst tolle Geschichten schreiben könnte, Ein Zoo im Winter und Vertraute Fremde sind sehr lesenswerte Beispiele dafür, dass er auch selbst ein guter Geschichtenerfinder ist.

 

 

Zur Ausgabe: Ich habe die französische Übersetzung in recht großem Format, 17×24 cm bei variabler Dicke zwischen 2 und 3 cm (die deutsche Ausgabe liegt bei 15,4×21,3, wie mir ein bekannter Onlineshop verrät), die mit jeweils vier Farbseiten, Vor- und Nachwort sowohl zur Entstehung des Manga wie auch zur französischen Übersetzung versehen sind.

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Durch das Format kommen die großartigen Zeichnungen und Panoramen sehr gut zur Geltung, und auch die Qualität des Druckes ist hervorragend. Auf den über 1500 Seiten hatte ich nur bei drei oder vier Seiten des fünften Bandes den Fall, dass die Tinte durch eine Seite durchdringt und das Lesevergnügen etwas trübt. Das ist zwar ärgerlich, aber verschmerzbar, da es tatsächlich sehr wenige Seiten sind, und es sich bei den genannten Fällen um Panele handelt, die wirklich etwas mehr Schwärze aufweisen als sonst. Preislich sind die einzelnen Bände auf Französisch sehr erschwinglich, auch wenn es durch die Anzahl der Bände dennoch über 70 € (übrigens auch für die deutsche Ausgabe) sind, die man für alle ausgeben muss. Doch es lohnt sich, was ich nicht oft genug betonen kann.

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17 Antworten zu Jiro Taniguchi und Baku Yumemakura: Gipfel der Götter

  1. Michaela schreibt:

    Auch wenn ich nicht der typische Manga Fan bin –
    deine Ausführungen machen neugierig! 😉

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  2. Miss Booleana schreibt:

    Ah da ist ja dein Beitrag 🙂 Freut mich, dass es dir so gut gefallen hat – ich sollte auch dringend mit der Reihe weitermachen. Mich schrecken die Preise immer ein wenig ab, aber ich denke, dass das einer der ist, bei denen es sich lohnt sich die anzuschaffen.

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    • pimalrquadrat schreibt:

      Hat ne Weile gebraucht, aber ich bin ganz zufrieden mit dem Beitrag, ja. 😳

      Wo hast du den unterbrochen? Du liest auf Deutsch?
      Die Preise sind schon etwas happig, ja. Aber wie du sagst, es lohnt sich, da bin ich ganz bei dir. Vielleicht hilft der Vergleich mit einer Romanreihe, bei der man in deutscher Übersetzung in etwa denselben Preis bezahlt, um alle Bände zu haben.

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  3. Schlopsi schreibt:

    Da ist der Lesestoff ja! 🙂

    Mannoman, das macht sehr neugierig. Werde wohl vorher mal reinblättern müssen, um dann zu entscheiden. Der Preis ist nämlich nicht gerade fein, selbst bei deinen „Quellen“… Aber interessant, was dieser gigantische Berg alles an Geschichten – egal ob fiktiv oder real – hergeben kann. Och mist, das ist jetzt eine gemeine Zwickmühle. Allein die Buchrücken sehen schon so schick aus… *seufz*

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    • pimalrquadrat schreibt:

      Ruhig reinblättern, und bei google nach ein paar Ausschnitten schauen, die finden sich. Es lohnt sich. 😉
      Klar, der Preis ist nicht ohne, selbst auf Französisch. Andererseits, es sind eben fünf Hardcoverbände in einem großen Format, und insgesamt 1.500 Seiten. Letzten Endes also eine kleine Prachtausgabe, wenn man so will.
      Ich bin auch überrascht, wie viel man über den Everest erzählen kann. Und auf welch unterschiedliche Arten.

      Hahaha, die Buchrücken. Im Hintergrund sieht man noch den Manga „Nausicäa aus dem Tal der Winde“, und es fehlt noch „Ein Zoo im Winter“ auf dem Bild. Dafür sieht man gut, wie überbelegt meine Regale sind. :mrgreen:

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      • Schlopsi schreibt:

        Habe mal reingeblättert und ich bin schwer am überlegen… allerdings nicht unbedingt die Everest-Reihe… aber du wirst schon sehen… (Nein, gekauft sind sie noch nicht!)
        So muss das auch sein. 😉

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        • pimalrquadrat schreibt:

          Hahahaha, das Schöne an Taniguchi ist ja, dass er so einiges produziert hat. 😀
          Ich tippe mal auf Vertraute Fremde oder Ein Zoo im Winter?
          Ich werd auch immer mal wieder was von ihm besorgen, die bisherige Qualität spricht einfach für ihn. Und bin neugierig auf deine Eindrücke. 😉

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        • Schlopsi schreibt:

          Ja, so in die Richtung!
          Er hat scheinba generell viel unterschiedliches gemacht. Kann das sein?
          Falls ich al dazu komme etwas von ihm zu lesen, werde ich es schriftlich festhalten. Ganz bestimmt. 🙂

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        • pimalrquadrat schreibt:

          Jepp, da sind viele unterschiedliche Sachen dabei. Was ich auch sehr schön finde, denn manche Mangaka sind wirklich nur auf eine Sache spezialisiert, aber der kann viele verschiedene Geschichten erzählen.
          Das macht, zusammenmit seinem Zeichenstil und der Qualität der Geschichten, seinen großen Reiz für bzw. auf mich aus.
          Werd mir demnächst „Au temps de Botchan“ und „Ice Age2“ holen.

          Ich bin gespannt. 😀

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        • Schlopsi schreibt:

          Sowas ist natürlich toll.
          Die beiden Exemplare wirst du sicher auch besprechen. Oder? Odeeeer? 😉

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        • pimalrquadrat schreibt:

          Wenn ich sie hab, klar. Ich grübel gerade an den Beiträgen zu LiS 5 (muss da doch auch zur letzten Episode was berichten) und zu „Vertraute Fremde“ eben von Taniguchi. Bei „Ice Age“ warte ich darauf, den zweiten und letzten Band gelesen zu haben.

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        • Schlopsi schreibt:

          LiS dachte ich mir schon, nachdem das Internet gefühlt implodiert ist. 😉
          Berichte… berichte…
          „Vertraute Fremde“ klingt schon so geheimnisumwoben. Bin gespannt!

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        • pimalrquadrat schreibt:

          Ich bin auch fast implodiert. War eine sehr mitreißende Episode und ein tolles Spiel. Schau mal rein, falls du Zeit findest. 🙂
          Ich geb mir Mühe. 😉

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        • Schlopsi schreibt:

          Ja, das habe ich ja fest versprochen!
          Ach, kein Stress. 🙂

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        • pimalrquadrat schreibt:

          Cool! 🙂

          Hab heute dann endlich etwas Inspiration zu LiS gefunden. Manchmal kommt es, manchmal eben nicht. Muss man manchmal gären lassen.

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  4. Pingback: Jiro Taniguchi | pimalrquadrat

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