Bahnfahren – Gefangen im Metallkasten, Teil II

Ihr erinnert euch, wo wir stehen geblieben waren? Ein kleiner, schwitzender Kreis in der Bahn, eine Frau taucht auf, die Spannung ist -ebenso wie die Hitze – unerträglich. Here we go, Teil II!

 

Die junge Frau hatte ein Handy. Ohja, richtig gelesen: ein Handy. Das war noch vor den Smartphonezeiten, also ein „richtiges“ Mobiltelefon mit Tasten und so. Und sie hatte es am Ohr. Und sie sprach auch damit. Besser gesagt, mit jemandem, der vermutlich ihre beste Freundin – oder vielleicht doch eher ihr Arzt? – gewesen sein muss.

Regelmäßige Bahnfahrer werden jetzt sicherlich nicken, und ein „ich weiß genau, was er meint“ in ihre (nichtvorhandenen) Bärte murmeln. Denn solche Menschen scheint es wirklich in jeder Bahn zu geben, Leute, die ihr Innerstes (und damit meine ich auch tatsächlich ihr Innerstes!) möglichst lautstark nach außen kehren, ja kehren müssen, vielleicht, um sich der eigenen Existenz zu versichern? Wer weiß das schon, ich jedenfalls nicht.

Nein, ich war damals nur zum Zuhören verdammt. Und, bevor jetzt der neunmalkluge Leser in der dritten Reihe, zweite Stelle von links, dazwischenruft, warum ich zu der Dame nichts gesagt habe, nun, dem sei entgegnet: es war heiß, ich war am Köcheln im eigenen Saft (vermutlich war ich niemals besser durch oder zarter als an jenem Nachmittag), ziemlich ermüdet, durstig, schlicht nicht in Topform, ganz davon abgesehen, dass ich andere Menschen selten auf ihr Verhalten anspreche, noch viel weniger Erwachsene. Ich gehe tatsächlich davon aus, dass jeder von uns ein Mindestmaß an Sozialisierung besitzt, um zu wissen, wo Grenzen sind. Und mit Grenzen meine ich jetzt nicht meine eigenen, sondern die des guten Anstandes. Ich rede z.B. nicht mit vollem Mund. Oder halte mir beim Gähnen/Husten/Rülpsen/Niesen nicht nicht die Hand/den Arm vor den Mund.

 

Aber zurück zur Geschichte! Ich bekomme leider/glücklicherweise nicht mehr alle Details dieser gut 45 Minuten währenden Bahnfahrt zusammen, aber ein paar der wichtigen Details habe ich noch immer präsent. Leider…

Besagte Dame also sprach und erzählte zunächst einmal davon, dass ihre Pilzgeschichte nun endlich abgeklungen sei, keine Ahnung, woher sie die habe. Ginge ja gar nicht, sowas, da müsse man ja drauf verzichten, und enthaltsam sein. Joa, so richtig mit Ausfluss und so. Und überhaupt, sie habe ja gerade eh Stress mit ihrem Freund, ja, aha, das stimme schon, doof sowas. Aber – und hier sei hinzugefügt, dass in der Sitzreihe auf der anderen Seite des Zwischenganges ein junger Mann saß, der sich die gesamte Fahrt über mit mir die „Ergüsse“ mitanhören durfte, hin und wieder einen Blick wahlweise des Erstaunens oder der Hilflosigkeit mit mir wechselte, und manchmal nur den Kopf schütteln konnte – immerhin treffe sie sich ja am Wochenden wieder mit ihrem Ex, und man könne ja nie wissen, was da so passiere. Ja, sie habe natürlich vor, das ausgiebig auszukosten, immerhin wisse man ja gegenseitig, was einen so anturnen würde (Gott sei Dank weiß ich DAS bis heute nicht!). Der wäre schon ein scharfes Schnittchen (fragt mich nicht, wie das zusammenpasst!), und was der Freund nicht wisse, das mache ihn nicht heiß, solange er eben andernorts wäre, könne man ja, um nicht aus der Übung zu kommen.

Warum nicht, sollte ja zwischen „Erwachsenen“ stattfinden. Warum das jedoch die halbe Bahn mitbekommen musste, das weiß ich bis heute ebenfalls nicht.

 

Die Bahn legte, wie alle paar Minuten üblich, einen ihrer Zwischenhalte ein, um Reisende aus- bzw. einsteigen zu lassen. Kommt davon, wenn man auf seiner Strecke 1003 kleinere Dörflein hat, die allesamt an der Lebensader „Bahngleis“ hängen und auch etwas bähnliche Aufmerksamkeit möchten. Gleichzeitig war das eine der wenigen Gelegenheiten, zu denen frische Luft – naja, so frisch es eben sein kann, wenn die Luft durch das Öffnen und Schließen der Türen bewegt wird und vom aufgeheizten Boden über aufgeheizte Stufen in einen aufgeheeizten Bahnwagen wabert – auch nur in die Nähe meines armen, geschundenen Körpers gelangte. Doch dann kam die nächste Hiobsbotschaft dieses Tages.

„Achtung, Achtung, eine Durchsage: Um eine Überhitzung der Bahn zu verhindern, werden wir einen kurzen Zwischenstop einlegen. Danke für ihr Verständnis.“

 

Jubel. Freude. Orgiastische Hormonausschüttung. Sonnenschein. Naja, gut, letzteres hatten wir tatsächlich. Und gnädigerweise ließ der Fahrer die Türen der Bahn offen. So konnte Madame immerhin nach draußen ausweichen, sich eine Zigarette anstecken und dort weiter telefonieren.

 

Nachdem wir alle gut durch waren, und dann noch einmal zur Sicherheit erneut gut durchgebraten wurden, ertönte so langsam die Nachricht, dass die Fahrt weitergehen könne. Immerhin, es dauerte nur 20-30 Minuten, um das Überhitzen der Bahn zu verhindern, während das Überhitzen der Passagiere deutlich schneller von Statten ging. Die nette Frau stieg wieder ein, setzte sich wieder mir gegenüber hin, und hatte das Telefon noch am Ohr. Von der restlichen Konversation ist mir nichts mehr im Gedächtnis geblieben, vermutlich funktioniert gegrillte graue Masse nicht mehr so gut. Ich erinnere mich nur noch daran, wie mein Leidensgenosse ausstieg und mir ein „Viel Spaß noch!“ wünschte, und daran, dass ich endlich meinen Heimatbahnhof erreichte, an dem die gute Frau auch ausstieg.

 

Ich habe sie noch ein weiteres Mal in der Bahn gesehen, einige Monate später. Woran ich sie erkannt habe? Natürlich war sie erneut am Telefon und berichtete en détail über ihre Probleme. Aber dieses Mal hatte ich etwas zu lesen dabei und konnte abschalten!

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39 Antworten zu Bahnfahren – Gefangen im Metallkasten, Teil II

  1. Ich hatte während des ersten Teils eine Lovestory erwartet, aber man kann ja nicht alles haben. 😀

    Und ja solche Menschen kenne ich auch. Letzten war einer mit mir im Bus und er hat mit seiner Freundin gesprochen: „es tut mir so leid. Das nächste Mal wenn ich einen Fehler mache, darfst du mich überall blocken. Aber nicht heute. Ich werde es wieder gut machen. Schatz, bitte Block mich nicht!!“
    – früher war es Schluss machen, heute ist es blocken. 😀

    Und beim lesen des zweiten Teils und der Erwähnung des Handys, frage ich mich mal wieder wie alt du wohl sein magst. Scheinst doch älter zu sein als ich vermutet hatte. 😀

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  2. singendelehrerin schreibt:

    Na, da hab ich ja Glück gehabt, dass ich SO alt bin, dass ich die Hauptzeit meines Studiums – ich pendelte auch täglich mit dem Zug, aber nur eine kürzere Strecke – noch ohne Handy-Enthüllungen erleben durfte! 😀

    Aber ähnliche Storys habe ich dann später immer wieder mal in S-Bahnen und Zügen erlebt, wobei ich mir die nicht sooo im Detail gemerkt habe wie du. 😉 Oft finde ich auch Geschäftsmänner nervig, die wirklich bis kurz vorm Aussteigen telefonieren müssen, weil sie ja sooooooo unentbehrlich und ganz furchbar wichtig sind.

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    • tinatainmentia schreibt:

      Noch besser als das sind eigentlich nur Geschäftsmänner, die im Flugzeug hinter einem sitzen, telefonieren, bis die Maschine gestartet ist, und sobald nach dem Aufsetzen auch schon wieder das Telefon am Ohr haben – und das Flugzeug steht noch nicht mal… 😉
      (Besonders schön, wenn sich das dann in der Warteschlange vor der Grenzkontrolle weiterzieht, bis man endlich zum erlösenden Gepäckband kommt…)

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    • pimalrquadrat schreibt:

      Ja, sei froh! Wobei ich ja auch noch ziemliches Glück hatte, das ist mir so extrem auch nur dieses eine Mal passiert, aber das war dann sehr einprägsam. *seufz*

      Diese Geschäftsmänner sind auch nervig, und ich frage mich manchmal genau wie du, wie viel davon doch nur Show ist, um den Mitreisenden unter die Nase zu reiben, wie wichtig sie doch sind.

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  3. tinatainmentia schreibt:

    Oh. Dazu fällt mir nur eins ein: Too much information. Und vielleicht noch ein „ih“.

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  4. mellimomente schreibt:

    hahah dieser Moment wenn man sich wünscht, die Leute würden einfach nur ihren Mund halten … manch ein menschliches Individuum ist eben nur so lange schön, so lange kein Wort dessen unbegreiflichen Kopf verlässt ;P fällt mir leider all zu oft auf ^^
    Mir gefällt übrigens super gut, wie du schreibst, du hast so ähnliche lieblings Adjektive wie ich 😉

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    • pimalrquadrat schreibt:

      Ganz genau! (Gut, Rauchertum ist für mich ein absolutes Nogo, so oder so ^^)

      Dankeschön! 🙂

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      • mellimomente schreibt:

        Jageht mir auch so, nicht weil ich es nicht akzeptieren könnte, sondern eher weil ich nichts kenne was schlimmer stinkt ;P (außerdem, Leute die in meinem Jahrgang anfangen zu rauchen, sollten es eigentlich besser wissen, die Ausrede, sie hätten nicht gewusst, dass es schädlich ist, zählt nicht mehr ;P)
        Bitte ^^

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        • Wortman schreibt:

          Die Ausrede hat vor fast 40 Jahren auch nicht gezählt 😉

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        • mellimomente schreibt:

          Aber sicherlich ein bisschen mehr als jetzt, wo schon die Hälfte der Packung mit „Rauchen kann tödlich sein“ verziert ist ^^

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        • pimalrquadrat schreibt:

          Wem sagst du das, dieser Geruch! *schüttel*

          Was jetzt nichts gegen die Raucher persönlich ist. Sind genauso viele nette wie unnette Leute darunter, aber in diesem Punkt werd ich mir mit denen nie einig sein.

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        • mellimomente schreibt:

          … tatsächlich sind sie oft recht nett, aber ich kann mich auf keine tieferen Gespräche mit ihnen einlassen, dazu müsste ich mich konzentrieren und die Konzentration verwende ich schon darauf einen Würgreiz zu unterdrücken^^ Das Rauchverbot in Lokalen, war für mich einfach ein riesen Glück – Ich wär sogar zum Entscheid gegangen wenn ich schon alt genug gewesen wär ^^

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        • Wortman schreibt:

          Das hat mich nicht im mindesten geschreckt als ich noch geraucht hatte 🙂

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        • mellimomente schreibt:

          Man möchte meinen, dass es wenigstens Jugendliche vom anfangen abhält… aber anscheinend funktioniert diese Idee nicht so ganz ^^ Du hast es geschafft aufzuhören? -Glückwunsch, das soll ja nicht all zu einfach sein 😉

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        • Wortman schreibt:

          diese schachteln mit den Sprüchen oder den üblen Bildern waren ja eher Sammel- als Abschreckungsobjekte 🙂

          Naja, ich hab nicht freiwiliig aufgehört. Mich hat es erwischt und nach drei Tagen Intensivstation überdenkt man sein Leben und lässt dann lieber die Finger davon 😉 Hab auch schon 2 1/4 Jahre geschafft.
          Normal aufhören hab ich viermal versucht und nie geschafft 🙂

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        • mellimomente schreibt:

          Oh gott…. ;(
          Gut, mit 2 1/4 Jahren ist man schon einigermaßen über den Berg, kann ich mir vorstellen… meine Mama hat auch geraucht, aber sie hat dann wegen mir aufgehört, ist ja auch nicht sonderlich gesund in der Schwangerschaft zu rauchen, aber sie sagt, vom Gefühl her wäre sie noch Raucher, obwohl sie schon fast 18 Jahre nicht mehr raucht …

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        • Wortman schreibt:

          Das Gefühl wird man nie los… Das ist wie bei einem Alki. Wenn der nach 20 Jahren einen Schluck nimmt, ist er wieder drauf… so geht es Rauchern auch. Einmal Finger weg – lieber Finger weiterhin weglassen.

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        • mellimomente schreibt:

          Kann ich mir vorstellen … ich lass meine Finger lieber gleich von Zigaretten und anderen Drogen… bis auf Alkohol, der wird dann eben nur in Maßen konsumiert ^^

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        • Wortman schreibt:

          Das wichtigste hast du schon gesagt: Finger weg von den Drogen und vor allen Dingen von den Designerdrogen wie Crystal Meth oder Extasy… Dann lieber noch ne Maß Bier 😆

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        • mellimomente schreibt:

          Es schreckt ab, wenn man von Schülern aus seinem Jahrgang hört was passiert wenn man einen bad Trip hat… danke nein Vor allem nicht, weil das Zeug viel zu schnell zu stark süchtig macht 😉

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        • Wortman schreibt:

          Das Zeug macht sofort süchtig. Das ist das Hauptziel einer jeden künstlichen Droge 🙂

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        • mellimomente schreibt:

          Ziemlich leichtsinnig wer das Zeug nimmt… oder Lebensmüde…

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        • Wortman schreibt:

          Beides, Melli.

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  5. Wortman schreibt:

    Egal ob Bus, Bahn, Restaurant oder biergarten, ich bekomme jedesmal eine Krise, wenn da lautstark telefoniert wird… da kann ich auch schon mal laut werden 😉

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  6. Wortman schreibt:

    Bei manchen Gegenüber ist es sicherlich besser, etwas zurückhaltender zu sein 😉 Das will ich gar nicht abstreiten. Doch alles gefallen lassen kann man sich auch nicht.
    Die sinkende Hemmschwelle ist das große Problem. Früher wurde geprügelt und wenn jemand am Boden lag, wurde aufgehört. Heute wird noch zu zweit nachgetreten… Ist ja cool… und die Täter sind sich teilweise nicht mal einer Schuld bewusst. DAS ist das traurige…

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